Wir nehmen echten Datenschutz ernst!

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Geschrieben am 14. Januar 2011
von georg konjovic

Nachdem auf dem von uns sehr geschätzten juristischen Blog www.internet-law.de dessen Betreiber, der IT-Fachanwalt Thomas Stadler, einen kritischer Beitrag zum Thema „Datenschutz auf hamburg.de“ veröffentlichte, gab der Datenschutzbeauftragte der Freien und Hansestadt Hamburg hierzu eine Presseerklärung ab.

Leider sind Datenschutzdiskussionen in Deutschland meist nicht sachlich zu führen, sie driften viel zu schnell ins Emotionale ab. Als strikter Verfechter eines wirkungsvollen, tatsächlichen Datenschutzes – und diese Rolle haben wir als hamburg.de auch in diesem Blog bereits untermauert (ich erinnere nur an den Facebook Like-Button sowie an unsere Empfehlung die Datenschutzeinstellungen bei Facebook zu überprüfen) – möchten wir aber an dieser Stelle einige kurze Fakten auf den Tisch legen:

Thomas Stadler bemängelt in seinem Post, dass das bei hamburg.de eingesetzte Zählverfahren zur Erhebung und Ausweisung von Online-Reichweiten bei der IVW nicht datenschutzkonform sei.

Was steckt dahinter? Wie die meisten werbefinanzierten Internetportale Deutschlands setzt auch das Stadtportal hamburg.de zur Messung seiner Reichweite das sog. IVW-Verfahren ein. die IVW (Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern) ist eine staatlich unabhängige, nicht kommerzielle und neutrale Prüfinstitution und versorgt die Medien- und Werbebranche sowie die interessierte Öffentlichkeit mit grundlegenden Daten für die Vermarktung von Medien als Werbeträger (www.ivw.de). Die regelmäßige Erhebung der Online-Reichweiten von mehr als 1.400 Internet-Angeboten hat die IVW dem zu diesem Zwecke gegründeten Unternehmen InfOnline GmbH übertragen. Die Messung erfolgt mit dem skalierbaren zentralen Messsystem (szm). Die Gesellschafter der InfOnline sind die führenden Verbände der deutschen Medienwirtschaft (www.infonline.de).

Wichtig also: Der Blogbeitrag von Thomas Stadler spricht Datenschutzmängel bei über 1.400 deutschen Websites an, die der IVW angeschlossen sind. Populäre Beispiele: Spiegel Online, Zeit Online, Stern.de, taz, Süddeutsche Zeitung, Welt Online, Bild.de und – vielleicht etwas weniger populär – auch hamburg.de (und koeln.de, berlin.de, …).

Das SZM-Verfahren wird kontinuierlich weiterentwickelt und als langjähriger Kunde von IVW/InfOnline setzt hamburg.de sich dafür ein, dass hierbei neueste technologische Entwicklungen und aktuelle Anforderungen des Datenschutzes berücksichtigt werden.

Fakt ist: Die InfOnline speichert keine IP-Adressen, weder gekürzt noch in Originallänge. Aber sie nutzt zur Zeit die vollständige IP-Adresse, um eine Georeferenzierung durchzuführen (Fragestellung: „Aus welchen Regionen kommen die User eine Website?“). Nach der Bildung der Georeferenz wird die IP-Adresse vollständig gelöscht.

Ganz deutlich: hamburg.de sieht jegliche Verwendung vollständiger IP-Adressen sehr kritisch und drängt Dienstleister/Partner zu einer Veränderung ihres Verhaltens. So haben wir im Mai 2010 unseren Webcontrolling-Anbieter Netstadt (mit seinem Produkt Sitestat) beauftragt, nur noch um das letzte Segment (Beispiel: 123.456.789.xxx) gekürzte IP-Adressen zur Auswertung von Traffic zu verwenden. Noch deutlicher wurden wir bei Facebook, als wir den Like-Button entfernten, weil dieser damals datenschutzrechtliche Bedenken nicht ausräumen konnte (dies ist nun anders, dazu an anderer Stelle mehr).

Bei IVW/InfOnline kann hamburg.de – ebenso wenig andere einzelne Mitglieder – nicht einen Auftrag zur Änderung des Zählverfahrens erteilen. Aufgrund der Struktur der Reichweitenerhebungen (IVW, AGOF, diverse Gremien, Verbände etc.) kann nicht ein einzelner Kunde wie hamburg.de eine Änderung im Zählverfahren diktieren. Bei aller Notwendigkeit zur schnellen Umsetzung möchte ich an dieser Stelle ganz deutlich sagen: Es muss hier mit Bedacht vorgegangen werden, denn die zentrale, objektive und vergleichbare Reichweitenerhebung bei der IVW ist Grundlage des gesamten Online-Werbemarktes in Deutschland. Schnellschüsse können hier fatale Folgen haben!

Was also tun?

Wir haben vergangene Woche an einem Gespräch zwischen der Freien und Hansestadt Hamburg (genauer: Behörde für Wirtschaft und Arbeit), dem Hamburgischen Beauftragten für Datenschutz und Informationsfreiheit sowie der IVW und der InfOnline teilgenommen bzw. diesen Dialog mit befördert. Uns war es ein Anliegen, juristisch-politische Bedenken (der Hamburgische Datenschutzbeauftragte ist weder für IVW noch für InfOnline zuständig, da beide in Berlin bzw. Bonn sitzen!) über Bord zu werfen und einen konstruktiven, lösungsorientierten Austausch zu starten.

Die Ergebnisse können sich sehen lassen: Bis Juli 2011 wollen IVW/InfOnline/AGOF das Zählverfahren so umstellen, dass die Datenschutzbedenken ausgeräumt sind. Natürlich: Eine Umsetzung binnen 25 Minuten wäre toller, aber angesichts der Organisationsstruktur der Reichweitenausweisung ist dies nicht realistisch und der 6-Monats-Zeitraum ein hervorragendes Ergebnis.

Wir bedauern sehr, dass wieder einmal eine wichtige, und von Thomas Stadler zurecht angestoßene Datenschutzdiskussion, mehr und mehr ins Absurde abgleitet. Dass eine Nachrichtenagentur in ihrer Berichterstattung so tut, als sei das von hamburg.de eingesetzte IVW-Verfahren (welches die Agentur gerne IVWBox.de nennt) eine große Besonderheit, entbehrt nicht einer gewissen Tragik. Wir unterstellen, dass 99% der Kunden dieser Nachrichtenagentur ebenfalls die IVW-Ausweisung vornehmen lassen.

Ebenso bedauern wir, dass sich der Hamburgische Datenschutzbeauftragte veranlasst sah, seinen Auftritt unter dem Dach von hamburg.de zu entfernen. Das Nicht-Verfügbarmachen von für Bürger wichtigen Informationen in Hinblick auf Datenschutzbelange ist mit Sicherheit nicht das Ziel von Thomas Stadlers Blog gewesen. Hierzu hat Udo Vetter im Lawblog auch etwas geschrieben.

Hamburg.de sieht sich als das digitale „Tor zur Stadt“ in Hamburg und als aktiver, konstruktiver Gestalter der Online-Welt. Die von uns im Portal eingesetzten Technologien sind datenschutzkonform, darauf legen wir größten Wert und werden von diesem Kurs auch nie abweichen. Dass die obligatorische Mitgliedschaft in der IVW nun zu einem „To-Do“ in diesem Bereich führt, ist für uns kein Ärgernis. Die Umstellung im IVW-Zählverfahren bis Mitte 2011 wird auf einen Schlag über 1.400 Medienangebote in Deutschland sicherer in Hinblick auf die erfassten Daten machen. Das ist ein gutes Ergebnis für uns, für alle Medienanbieter und für die Besucherinnen und Besucher unserer Websites. Und es zeigt, dass eine Verbesserung auch ohne neue, ausufernde Gesetze und hochkochende Debatten möglich ist. Dialog ist alles.

Kategorie: Allgemein 3 Kommentare »

3 Antworten zu “Wir nehmen echten Datenschutz ernst!”

  1. […] IT Anwalts Stadler hat der Daten­schutzbeauf­tragte der Freien und Hans­es­tadt Ham­burg seine Web­seite vom Netz genom­men. Der Grund: Prob­leme mit dem Daten­schutz. Die Daten­schutzex­perten hat­ten hat […]

  2. avatar Renata sagt:

    Wie heisst das Plugin rechts ? Das brauche ich!

  3. avatar Marc sagt:

    Ich finde Ihre Stellungnahme sehr gut. Auch ich fand die Reaktion, die Webseite des Hamburgischen Datenschutzbeauftragten von hamburg.de zu entfernen, übertrieben.

    Ich bin gespannt, wie der Datenschutz mit den sich täglich ändernden Internet-Technologien umgeht. Die Strategie, medienwirksam gegen einzelne Betreiber von Webseiten vorzugehen, schafft zwar hohe Aufmerksamkeit, wird aber nicht der Weg sein, mit dem Thema modern umzugehen.

    Die sehr strenge Definition von personenbezogenen Daten, wie man am Beispiel IP-Adressen verfolgen kann, ist politisch zwar richtig, führt aber in der Praxis zu immer mehr Komplikationen. Wem schadet es denn, wenn man die IP-Adresse verwendet, um eine Georeferenzierung durchzuführen, wenn die Adresse umgehend danach gelöscht wird?

    Die Datenschutzaufsichtsbehörden müssen aufpassen, da Sie nicht Anforderungen stellen, die sie selbst nicht erfüllen, sonst werden sie irgendwann nicht mehr ernst genommen.

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